Alessa Dörlings Nahkampf in milchigem Wasser

Schwimmen: Zwei Hamburger starten bei den Europameisterschaften in Ungarn (26. Juli bis 6. August)

HAMBURG -

Das Wasser wird warm und milchig sein, und du wirst den Untergrund kaum erkennen können." Carsten Gooßes (32) grinst. Der Cheftrainer des Hamburger Schwimmverbandes weiß mit seiner launigen Art Alessa Dörling auf ihren Start bei den Europameisterschaften im ungarischen Plattensee einzustimmen. Am 27. Juli geht die 18 Jahre alte Hamburgerin über die olympischen zehn Kilometer an den Massenstart. Nach ihrem überraschenden dritten Platz bei den deutschen Meisterschaften in Erfurt darf sich die angehende Physiotherapeutin mit den Besten des Kontinents messen. Zehn Tage hatte sie auf ihre Nominierung warten müssen. "Das nervte", sagt sie.

"Sie hat den nötigen Biß und den Charakter für diese Ausdauerwettkämpfe im freien Wasser", sagt Gooßes. Was der Trainer meint, demonstriert Alessa Dörling mit ihren Ellenbogen. "Zweikampfstärke im Wasser ist gefragt. Die meiste Zeit schwimmst du in einem Pulk. Wenn du da dein Terrain nicht bereit bist zu verteidigen, hast du verloren", sagt sie. In Erfurt übertrieb die ehemalige Weltmeisterin Britta Kamrau (Rostock) den Nahkampf. Weil sie den Badeanzug einer Konkurrentin zerriß und deren Rücken zerkratzte, wurde sie vom Deutschen Schwimm-Verband disqualifiziert und vorerst gesperrt. Alessa Döring war dem Händel ausgewichen. Sie zog an den Streitenden links vorbei zur Bronzemedaille, dem größten Erfolg ihrer jungen Karriere.

Bis zu 65 Kilometer in der Woche trainiert sie bei Gooßes am Olympiastützpunkt im Dulsbergbad. Höhere Umfänge läßt ihre berufliche Ausbildung nicht zu. Die will sie in den nächsten anderthalb Jahren auf keinen Fall vernachlässigen. "Vom Schwimmen kann man nicht leben", sagt sie. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Peking bleibe deshalb ein Traum, aber kein festes Ziel. Im Plattensee, sagt Gooßes, sei nächste Woche ein Platz zwischen zehn und zwanzig realistisch. Mit einer Bestzeit von 2:08 Stunden krault Alessa Dörling Europas Elite bisher rund zwei Minuten hinterher.

Kraulsprinter Jens Thiele (25) ist Hamburgs zweiter Abgesandter zur EM. Als Vierter der deutschen Meisterschaften über 100 Meter Freistil will der Student der Betriebswirtschaft am 31. Juli in Budapest - dort werden die Beckenwettbewerbe geschwommen - mit der 4 x 100-Meter-Staffel um eine (Bronze-) Medaille kämpfen. "Bei unserem Glück werden wir bestimmt wieder Vierter oder Fünfter", unkt Thiele. Für ihn sind es die dritten Europameisterschaften - und vielleicht die letzten. Findet er keinen sportgerechten Arbeitsplatz, soll die berufliche Karriere künftig Vorfahrt haben.

Daß kleine Hamburger EM-Aufgebot ist die Konsequenz des 2004 eingeleiteten Paradigmenwechsels. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der zuletzt eher vernachlässigten Nachwuchsschulung. Bis Ende 2008 soll Gooßes die Strukturen für ein qualitativ wie quantitativ starkes Schwimmteam geschaffen haben. Erste Erfolge sind sichtbar: In den jüngeren Altersklassen kämpfen die Hamburger wieder um nationale Medaillen.

rg

erschienen am 22. Juli 2006

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