Alessa Dörling: «Ich bin noch total ahnungslos»


Die HSC-Langstreckenschwimmerin Alessa Dörling über den Freiwasser-Europacup, Renntaktik und eine 88 Kilometer lange Herrausforderung

von Peter Jacob

Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt hat sich Alessa Dörling (Jahrgang 1988) im Europacup der Freiwasserschwimmer auf den zweiten Gesamtrang geschwommen. Bei der vom Europäischen Schwimmverband (LEN) veranstalteten Serie mit sechs Rennen in zweieinhalb Monaten in London (England/5km), Sete (Frankreich/ 5km), Mailand (Italien/10km), Potsdam (Deutschland/10km), Navia (Spanien/ 5km) und Mersin (Türkei/10km) steigerte sich Alessa kontinuierlich von Wettkampf zu Wettkampf. Nach ihrem tollen zweiten Rang in Navia schwamm sie beim Finale in Mersin in 2:18 Stunden ebenfalls auf diese Position.

Alessa, herzlichen Glückwunsch zu Deinem tollen Rennen in der Türkei und zum zweiten Platz in der Gesamtwertung. Den Zeiten nach zu urteilen war das Rennen weit weniger taktisch geprägt als üblich. Die Abstände waren doch recht deutlich. Dafür waren die Umstände wohl auch nicht einfach.

Alessa: Ja, es waren grausame Umstände und deswegen ein taktisch entspanntes Rennen. Wir haben vorher geklärt, das bis 7,5km kein Angriff gestartet wird und sind bis da auch alle entspannt zusammen geschwommen. Gina [Gina Mohr, die spätere Siegerin. Anm. d. Red.] hat bei meiner Verpflegung angegriffen - was ich dadurch viel zu spät mitbekam. Ich habe zwar versucht ihr zu folgen, aber sie war weg. Und da von den anderen keine hinter mir her gekommen war, wollte ich nicht bis an die Grenze gehen. Es hätte an der Gesamtplatzierung eh nichts mehr geändert.

Die letzten Kilometer musstest Du ganz allein schwimmen. Was ist das wichtigste bei so einem Rennen?

Alessa: Mein Betreuer Willy hat mir sehr viel Sicherheit und Vertrauen gegeben, sonst wäre ich wohl nicht durchgekommen. Wir hatten 30,5 Grad Wassertemperatur und 39 Grad im Schatten, für ihn war es also auch keine nette Ausfahrt. Er hat mich alle 10 Minuten verpflegt, was physisch und vor allem psychisch notwendig war. Willy ist selbst Langstreckenschwimmer gewesen und hatte daher immer den passenden Spruch auf den Lippen.

Wie fühlt man sich nach einem mehr als zweistündigem Kampf gegen Wellen, Hitze und den Inneren Schweinhund?

Alessa: Wir waren alle nach dem Rennen körperlich am Ende. Ich bin einfach nur froh das ich gut durchgekommen bin, weil ich ja mehr das kalte Wasser und Wetter mag. Inzwischen geht es mir aber schon wieder besser. Die Temperaturen und gleichzeitig das Salzwasser (von dem man bei den Wellen ja immer mal wieder ein unfreiwilligen Schluck nimmt) haben im nachhinein noch sehr Lange Wirkung gezeigt.
Das Training am Vortag haben wir nach ungefähr 2km abgebrochen und haben uns dort rausholen lassen, weil es einfach zu heiß war. Die Veranstalter haben die Gelegenheit gleich genutzt, um uns die Umgebung vom Wasser aus zu zeigen. Was sehr schön war und durch den Fahrtwind auch für Abkühlung gesorgt hat. Unsere Bitte an die Offiziellen auf 5km zu verkürzen wurde leider abgelehnt.

Wenn man sich die Ergebnisse von Langstrecken-Schwimmwettkämpfen ansieht, dann fällt auf, dass die oft mehrstündigen Rennen unheimlich knapp ausgehen. Oft kommen mehrere Schwimmerinnen innerhalb weniger Sekunden ins Ziel. Mit welcher Taktik gehst Du in Deine Rennen?

Alessa: Ich bin selbst noch total ahnungslos und mache viele Fehler. Sei es, das ich mich verprügeln lasse wie auf den Deutschen Meisterschaften im letzten Jahr, dass ich im hinteren Feld festsitze oder einfach meine Ausreißversuche nicht perfekt sind. Um erfolgreich zu sein braucht man sehr viel Erfahrung und die habe ich nicht. Ich muss bei jedem Rennen lernen da meine Betreuer noch weniger Ahnung haben als ich. Die 10 Kilometer sind zu 70% Taktik. Wer das kann hat gute Möglichkeiten. Deswegen ist ein guter Betreuer so wichtig, einer der einem sagen kann wie man schwimmen muss und kann.

Mit Mersin geht eine erfolgreiche Freiwasser-Saison für Dich zu Ende. Wie geht es weiter, was sind Deine nächsten Ziele? Die 10 Kilometer werden in Peking ja auch olympisch.

Alessa: Ich bin erst mal froh, das ich mich jetzt erholen kann. Aber es ist auch schade, das es der letzte Wettkampf für diese Saison war. Die nächste Saison wird eine sehr schwere weil ich im März mein Staatsexamen machen möchte. Aber ich will auf jeden Fall 25 Kilometer schwimmen und somit meine eigenen Grenzen verschieben. Wo wir wieder bei der Herausforderung wären. Mein Traum ist es in Argentinien die 88km zu schwimmen aber da muss sich einiges verändern damit das in und für Hamburg möglich wird!. Ansonsten will ich mich jetzt erst einmal aufs Becken Konzentrieren. Zum einen weil man das von mir erwartet zum anderen möchte ich selbst noch einen Versuch wagen. Meine Olympia-Chance gibt es nicht mehr. Im Freiwasser muss man bei der kommenden WM unter den ersten 10 sein und die Quali dafür habe ich verpasst. Aber Deutschland ist die stärkste Nation im Freiwasserschwimmen und deswegen ist es nicht so schlimm wenn ich mich noch nicht ganz durchsetzen kann. Ich hoffe das dass Freiwasserschwimmen in Hamburg bei den Trainern, Aktiven und Offiziellen anerkannter wird, da es ein spannender, interessanter und unberechenbarer Sport ist.

Du bist jahrelang im Becken geschwommen, ehe Du vor zwei Jahren an Deinem ersten Freiwasser-Wettkampf teilnahmst. Wie kam der Umstieg?

Alessa: Gute Frage! Shila, die ist für die Freiwasser-Junioren im DSV zuständig, hatte sich auf den Deutschen Meisterschaften 2005 meine 1500m angesehen und meinen Trainer angesprochen ob ich nicht mal die 5 Kilometer versuchen will. Da Jörg (mein damaliger Trainer) schon damals Interesse am Freiwasser hatte, haben wir ungefähr eine Woche gebraucht bis ich überzeugt war. Außerdem hat Shila mir deutlich gemacht das ich Chancen hätte zur JEM zu fahren was auch ein recht starkes Argument war. Die Möglichkeit an der JEM teilzunehmen hat mich damals sehr motiviert. Heute sind es der Spaß, die gute Atmosphäre und eben die Herausforderung die ich im Becken nicht mehr habe. Inzwischen bin ich mir sicher: Freiwasserschwimmen ist tausendmal interessanter als Beckenschwimmen. Es kann so viel passieren, die äußeren Umstände sind jedes Mal anders. Durch die starke Belastung braucht man ein Team auf das man sich zu 200% verlassen kann. Da die Betreuer hervorragende Arbeit geleistet haben, konnten wir in dieser Saison Leistungen bringen die uns, außerhalb des Teams, keiner zugetraut hätte

Wie bereitest Du Dich auf Deine Wettkämpfe vor?

Alessa: Mein Trainer ist kein Freiwasser-Trainer. Dass macht es nicht gerade leichter. Die typischen Langstrecken-Programme und das gesamte Freiwasser-Konzept gibt es bei mir nicht und wenn bräuchte ich einen Trainingspartner und mehr Unterstützung. Wir trainieren etwas anders und haben damit bisher einen gewissen Erfolg. Leider kann man nicht vergleichen wie es wäre wenn mein Training wirklich Freiwasser-Training gewesen wäre und nicht immer nur ein Kompromissversuch zwischen meinem Trainer und mir.

Fenster schliessen